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Nutzer als Experten

am . Veröffentlicht in Aktuelles

Sich von ehemaligen Bewohnern in Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung als Experten zum Thema Teilhabe beraten zu lassen – die Lebenshilfe e.V. Kreisvereinigung Mettmann schlägt einen einzigartigen Weg ein und startet ein neues Programm.

Workshop mit Ausblick über Köln von der Aussichtsplattform des Horion-Hauses aus.

Ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner sind die besten Experten. Denn wer könnte besser Bescheid wissen, wie Teilhabe funktioniert, als Menschen, die das Lebenshilfe-Angebot täglich nutzen oder genutzt haben. Teilhabe bedeutet eingebunden sein und Einfluss haben auf das eigene Leben. Mit dem neuen Experten-Programm erarbeiten Nutzerinnen und Nutzer zunächst in Workshops, wie Bewohner in stationären Einrichtungen besser mitbestimmen oder für sich selbst Entscheidungen treffen können. Anschließend beraten sie mit ihren Ergebnissen die Einrichtungsleitungen der Lebenshilfe-Wohnheime. Damit geht die Lebenshilfe im Kreis Mettmann das Thema erstmalig aus einer anderen Perspektive an. „Besonders die Menschen, die früher einmal in unseren Wohnheimen oder Außenwohngruppen lebten, hatten uns in früheren Audits von ihren Erfahrungen berichtet. Sie erzählten uns, was sie dort gut fanden, aber auch was wir besser machen können“, erklärt Uli Gaßmann, pädagogischer Geschäftsführer der Lebenshilfe im Kreis Mettmann. So reifte die Idee, noch mehr von den Erfahrungen und Beobachtungen zu lernen.

Der Auftakt fand nun in Köln statt: Ein Wochenende lang sprachen elf Freiwillige, die das Angebot des Betreuten Wohnens nutzen, mit Uli Gaßmann sowie Gabriele Müller und Jakob Dreesmann – Leitungen des Betreuten Wohnens bei der Lebenshilfe – darüber, was Teilhabe für sie bedeutet, wie sie Teilhabe im Alltag erleben und wo sie besser gestaltet werden kann. Die Gruppe sprudelte nur so vor Ideen. Wenn Mitarbeitern im Alltag zu wenig Zeit bliebe, sich um individuelle Wünsche zu kümmern, müssen eben andere Personen wie beispielsweise Ehrenamtliche organisiert werden, die den Menschen in seinen Bedürfnissen fördern. Oder warum nicht Vertrauenspersonen wählen, an die man sich mit seinen Anliegen wenden kann. Elke Patermann, die seit 2005 in ihrer eigenen Wohnung in Langenfeld lebt, sieht die Expertenberatung als verantwortungsvolle Aufgabe:  „Menschen in den stationären Bereichen wünschen sich sicherlich eine Veränderung, trauen sich jedoch zum Teil noch gar nicht. Sie benötigen Hilfe – unsere Hilfe.“ Den Experten ist wichtig, anderen Mut zu machen, sich etwas zu wünschen oder zu sagen, was einem nicht gefällt. Aus eigenen Erfahrungen wissen sie, dass sie die Möglichkeit haben wollen, sich selbst mit leicht verständlichen Informationen zu versorgen, ohne auf Hilfe zu warten. Am allerwichtigsten seien aber die Mitarbeiter, die die Wünsche der Bewohner ernst nehmen und mit Zutrauen mit ihnen trainieren sollen, ihre Ziele zu erreichen. Auch Reinhard Bernd-Striebeck erinnert sich, wie wichtig die Unterstützung der Lebenshilfe-Mitarbeiter beim Thema Selbstbestimmung für ihn war. „Ich habe immer davon geträumt, eine eigene Wohnung zu haben. Nur weil es mir zugetraut wurde, konnte ich meine Erfahrungen machen und lernen, wie man einen Haushalt führt.“ Heute ist Reinhard Bernd-Striebeck verheiratet und lebt mit seiner Frau und drei weiteren Mitbewohnern in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Die ausgearbeiteten Themen dieses ersten Treffens werden dann die Grundlage für einen Workshop im November sein, bei dem die Gruppe sich in Fachexperten aufteilt: eigene Räumlichkeiten gestalten, die Beziehungen zu anderen, Selbständigkeit im Haushalt und Freizeit sollen dann als einzelne Punkte besprochen werden. Mit der Workshop-Methode des World Cafés werden die Experten an ihrem Tisch nacheinander die Leiterinnen und Leiter der Einrichtungen beraten und mit ihnen über ihr Fachgebiet diskutieren. Worauf es bei einer guten Beratung ankommt, ist ihnen klar. Zum Beispiel vom Thema Ahnung haben, gut zuhören, gut erklären oder nicht überreden sondern überzeugen.

Die Lebenshilfe e.V. Kreisvereinigung Mettmann sieht in dem neuen Programm viel Potenzial und macht es daher auch auf ihrem Neujahrsempfang zum Thema. Im Mittelpunkt einer moderierten Gesprächsrunde steht das Expertenteam, das über das Thema Teilhabe vor den geladenen Gästen sprechen wird, zu denen Mitglieder, Sponsoren, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens gehören. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband im Kreis Mettmann sieht viele Chancen beim Thema Nutzer als Experten. Er plant ab Januar 2018 eine besondere Beratungsstelle, bei der Menschen mit einer Behinderung andere Menschen mit einer Behinderung in unterschiedlichen Bereichen beraten. Die Lebenshilfe möchte diese Idee gerne unterstützen und den Kontakt zu Menschen mit einer Behinderung herstellen, die sich vorstellen können, als Berater aktiv zu sein.